Der Tag der Kulturen an der Wilhelm-Schickard-Schule feierte das Miteinander

Artikel erschienen am 06.05.2016 im Schwäbisches Tagblatt:

Drei Flüchtlingsklassen und Schüler aus 38 Nationen gibt es an der Wilhelm-Schickard-Schule. Ein gewöhnliches Schulfest schien der Schulleitung da irgendwie unpassend. Beim Tag der Kulturen stand deshalb das Interesse für die Herkunft der Mitschüler im Vordergrund.

Tübingen. Die Sonne wärmt verhalten, zwei Rapper rappen, drumrum ein ziemlich großer Pulk Jugendlicher. Manche tragen silberne Sneakers, manche Lippenpiercing, manche Kopftuch. Viele machen Handy-Videos. Nicken mit. Sieht aus wie ein ganz normales Open-Air-Konzert. Ist aber der Tag der Kulturen an der Wilhelm-Schickard-Schule.

Zu der großen Schulsause am Mittwochvormittag gehörte ein amtliches Bühnenprogramm. Neben Hip-Hop führten Schüler auch lateinamerikanische Standardtänze und kurdischen Gesang auf. Diese Sause hatte allerdings Mehrwert. Sie war ganz auf die Besonderheit der Schule hin ausgerichtet: ihre Vielfalt. Die kaufmännische Schule in Derendingen besuchen Jungen und Mädchen mit türkischen, italienischen oder ganz anderen Wurzeln – und außerdem junge Flüchtlinge. Zusätzlich vereint die Wilhelm-Schickard-Schule unter ihrem Dach verschiedene Schulformen (siehe Kasten). Der Tag der Kulturen sollte gegen mögliche Trennlinien angehen.

2015 gab es ihn zum ersten Mal. Vorgestern folgte die Neuauflage: der Schulhof, ein einziges Gewusel. Für Schulleiter Joachim Maurer ist das das Erfolgskriterium. „Man sieht nirgends Gruppenbildung, sondern ein Miteinander.“ Der häufige Bruch zwischen den Schularten löse sich auf, es entwickle sich eine tolle Dynamik, die Schüler fänden Zugang zu anderen Nationalitäten, durchmischten sich.

Allein das Speisenangebot war dafür sinnbildlich. Ein gigantisches Buffet umwaberte ein Aromenkonglomerat sondergleichen. Kartoffelsalat stand neben türkischen Blätterteigwaren, knallroter Couscous neben Wurstsalat und Tiramisu. Schüssel um Schüssel, Essen mit Botschaft. Laut Maurer waren die Jugendlichen recht angetan davon, den Mitschülern die Küche ihrer Familien nahe zu bringen. Überhaupt: Speisen, Tänze, Musik – der Schulleiter sagt, Schüler mit Migrationshintergrund seien in ihrem Bewusstsein sehr viel traditioneller.

Der Tag der Kulturen hatte mit Workshops begonnen. Teils referierten externe Experten: Vertreter von der Landeszentrale für politische Bildung sprachen über Radikalisierung im Islam oder Rechtspopulismus. Und teils organisierten die Schüler die Einheiten selbst. Sevgi Birinci stellte Kurdistan vor: seine Flagge, seine geografische Lage, seine Sehenswürdigkeiten. Die Schülerin dachte erst, es könnte Probleme geben: „Weil auch einige Türken im Workshop waren.“ Aber: „Gab es überhaupt nicht.“

Siegrun Seidel ist Lehrerin einer Flüchtlingsklasse. Die jungen Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Serbien haben ein ganz unterschiedliches Sprachniveau. Manche können nicht lesen, andere sprechen ein wenig deutsch. Seidel hat mit ihnen ein Quiz gemacht. Bräuche, Tischmanieren, Begrüßungsrituale aus allen Kontinenten und Religionen galt es zu erraten.

Danach gab Seidel ihren Schülern einen Gesprächsleitfaden an die Hand. Er sollte einen Dialog über die verschiedenen Heimaten ermöglichen. Er animierte aber auch, Fragen an die deutschen Mitschüler zu stellen. Etwa die: Was kann ich hier nach dem Schulleben machen?

Die Wilhelm-Schickard-Schule

Die Wilhelm-Schickard-Schule bündelt vier Schularten: Wirtschaftsgymnasium, Berufskolleg, Wirtschaftsschule und Berufsschule. Sie hat rund 1450 Schüler. Es gibt dort drei Klassen für Flüchtlinge mit jeweils 18 Schülern. In der Schulfachsprache heißen sie VABO-Klassen, das steht für „Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse“.

06.05.2016 , kathrin löffler

Quelle: Schwäbisches Tagblatt, tagblatt.de

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