Orange is the new black? -Ein Besuch im Knast

Am 13.06.2016 machten sich die zwei Eingangsklassen der RechtsanwaltsgehilfInnen mit der Schulsozialarbeiterin und den beiden Klassenlehrern auf den Weg nach Rottenburg, um einen Blick hinter die Mauern einer Vollzugsanstalt zu werfen.

Zunächst wurde uns das „Zugangshaus“ gezeigt, ein relativ neues Gebäude, in welchem sich die Neuzugänge für die ersten Tage aufhalten, bis die Zugangsabteilung die weitere Unterbringung festlegt., diese richtet sich nach Haftdauer,  -von einigen Tagen Ersatzfreiheitsstrafe bis zu lebenslänglich –  Arbeitsschwerpunkten und weiteren Kriterien. Aufgrund spezieller Arbeitsabläufe sind in diesem Haus dauerhaft die Gefangenen untergebracht, die in der beliebten Landwirtschaft  arbeiten.

Danach erhielten wir Einblick in das Haus Zwei, dem sogenannten Regelvollzug. Während die Zellen des ersten Gebäudes wie normale Zimmer aussehen, wirkt das alte historische Gebäude mit seinen stählernen Gitter- und Zellentüren viel bedrückender und fast so, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt. Die Zellentüren sind hier meistens verschlossen, die nach oben offenen Stockwerke mit Metallnetzen gesichert und die Geräusche  von zufallenden Türen und Schlüsselgeklapper gehen durch Mark und Bein. Von den insgesamt 550 Gefangenen befinden sich 120 in diesem Gebäude.

Im Keller befindet sich der sogenannte „besonders gesicherte Haftraum“, umgangssprachlich auch B-Zelle genannt.    In dieser gibt es außer einer Turnhallenmatte ähnliche Matratze keine Möbel, als Toilette dient ein Loch im Fußboden. Das Fenster lässt sich nicht öffnen, stattdessen wird elektrisch belüftet bei einer konstanten Temperatur von 27 Grad. Bevor der Gefangene dort untergebracht wird, muss er sich zur Kontrolle vollständig entkleiden und bekommt stattdessen eine reißfeste Hose und Weste und wirkt ein bisschen wie ein Kampfsportanzug. Diese Maßnahme wird angewendet, wenn sich Gefangene in einem unberechenbaren Ausnahmezustand befinden und eine Gefahr für sich oder andere darstellen, z.B. bei Körperverletzung oder akuter Suizidgefahr. In dieser Situation wird ein Arzt hinzugezogen und entscheidet über die Notwendigkeit. Ein Gefangener, der dort untergebracht ist, wird ständig überwacht und die Aufenthaltsdauer ist auf maximal drei Tage beschränkt. Bei durchschnittlich 550 Gefangenen kommt es ca. zehn Mal im Jahr vor, dass dies notwendig wird.

Unser Besuch führte uns weiter in das Haus 3, einem offeneren Bereich. 156 Gefangene wohnen hier in Einzelzimmern, die innerhalb des Gebäudes offen sind. Jeder Bewohner hat einen eigenen Schlüssel und kann selbst darüber bestimmen. Die Vollzugsbeamten haben zu Kontrollzwecken ebenfalls Zugang. Während sich im Regelvollzug eine Toilette im Haftraum befindet, gibt es hier eine Gemeinschaftstoilette auf dem Stockwerk; ein deutlicher Nachteil. Der Vorteil ist jedoch, dass sich die Gefangenen in der Gemeinschaftsküche auch selbst etwas kochen und sogar Kuchen backen können. Gefangene, die körperlich arbeiten, dürfen jeden Tag duschen, alle anderen alle zwei Tage.  Beim Essen, das in der Haftanstalt für alle Gefangenen zubereitet wird,  wird auf Diabetiker, Vegetarier und Moslime Rücksicht genommen. Die Inhaftierten müssen 7,2 Stunden am Tag arbeiten und verdienen durchschnittlich 10 Euro pro Tag. Ein Teil des Verdienstes wird als Übergangsgeld bis zur Entlassung angespart. 100 Euro im Monat dürfen für den Einkauf von Lebensmitteln und genau reglementierten persönlichen Dingen wie Kleidung, Bücher, CDs, DVDs o.ä. ausgegeben werden.

Die Anlieferung dieser Artikel erfolgt durch eine externe Firma, die alle Vollzugsanstalten im Land beliefern und zum Nachteil der Gefangenen etwas teurer als der örtliche Supermarkt ist. Auch die Telefongebühren mit 25 Cent pro Minute sind ziemlich kostspielig für Gefangene, die mit ihren Angehörigen Kontakt nach außen halten möchten. Man darf im Haftraum fernsehen, muss jedoch die Gebühren dafür selbst bezahlen. Die Gefangenen haben eine Stunde Hofgang am Tag und dürfen auf Antrag im Monat drei Stunden Besuch mit maximal drei Personen erhalten. Es gibt Freizeitgruppen, die von Beamten oder Ehrenamtlichen angeleitet werden, wie z.B. Krafttraining, Fußball, Basketball, Schach und Malen. Ansonsten stehen die gern genutzten Tischkicker auf den Stockwerken zur Verfügung.

In der großräumigen und freundlichen Kapelle der Haftanstalt hatten wir die Gelegenheit, mit einem Gefangenen ins Gespräch zu kommen.

Der 49-Jährige wegen Betrugs Inhaftierte hat eine Hartstrafe von 2,5 Jahren zu verbüßen und hatte gut die Hälfte seiner inzwischen dritten Haftstrafe hinter sich. Er gab offen Antwort auf alle unsere Fragen und erklärte uns, dass er wegen seiner Spielsucht „auf die schiefe Bahn“ geraten sei, da der finanzielle Druck immer größer geworden sei. Er stehe mit der Drogenberatung in Kontakt und strebe eine stationäre Therapie an. Als Ziel nannte er, nach Abschluss der Therapie sein Umfeld zu wechseln und wieder in seinem früheren Beruf zu arbeiten. Auf die Frage einer Schülerin, welche Strategien er habe, um mit der Haftsituation zurechtzukommen, erklärte er: „Man muss sich mit Beschäftigung ablenken.“ Er arbeite in der Küche und spiele so oft es gehe, und das sei vier Mal pro Woche, Fußball. Als ehemaliger Trainer und absolut Fußballbegeisterter vermisse er das am meisten. Die schlimmsten Tage in Haft seien für ihn, der sich als Familienmensch bezeichnete, sein Geburtstag und Weihnachten. Echte Freunde habe er in der Haftanstalt nicht. Mit einem Mitgefangenen verstehe er sich gut und unterhalte sich, ansonsten sei er einer unter vielen und man arrangiere sich eher untereinander. Ob es etwas Positives unter den Gefangenen gebe, beantwortete er mit „ja, ich habe von den ausländischen Gefangenen gelernt, dass diese ihr Essen immer teilen und dem anderen zuerst etwas abgeben“.

Wer übrigens 1-a Biogemüse vom Erzeuger direkt kaufen möchte, kann dies jeden Freitagnachmittag zwischen 14.00 und 17.30 tun, und zwar direkt vor den Toren der Haftanstalt aus hauseigener, qualitativ hochwertigen Produktion zu fairen Preisen. Der Erlös fließt einem guten Zweck zu.

Edith Killinger – Schulsozialarbeit

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