Das Land mit dem besten Grundgesetz der Welt

Nicht weniger als ihre Lebensphilosophie hat Muhterem Aras, die Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, den Schülerinnen und Schülern der Wilhelm-Schickard-Schule bei ihrem Besuch am Donnerstagmorgen in der Aula vorgestellt, in einer vor Begeisterung sprühenden Rede für Deutschland und seine Verfassung.
Auf Einladung der Schule, maßgeblich initiiert von Magdalena Ruoffner (Lehrerin für Deutsch und Geschichte/Gemeinschaftskunde an der WSS), kamen an diesem Morgen vom Regierungspräsidium die Präsidentin der Abteilung 7 für Schule und Bildung, Dr. Susanne Pacher, Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, der grüne Landtagsabgeordnete und Vertreter des Wahlkreises Tübingen Daniel Lede-Abal. Auf Seiten der Schule präsentierte sich das gesamte Leitungsteam mit Joachim Maurer (Schulleiter) und seinem Stellvertreter Martin Riehle sowie den Abteilungsleitungen Wirtschaftsgymnasium Ella Kleine, Kaufmännische Berufsschule Arndt Bayer und Berufskolleg, Berufsfachschule und VABO Andreas Boll.
Das große Publikum bildeten sechs Klassen aus den verschiedenen Schularten der WSS und darunter z.B. Vladimir Askovic aus der BFW 1/2, der von der bevorstehenden Begegnung mit der Landtagspräsidentin sehr angetan ist: „Sie ist doch eine sehr interessante Person, als erste Frau und als erste Muslimin in einem solchen Amt.“
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Eröffnet und moderiert wird die Veranstaltung von der 18-jährigen Schülersprecherin Laila Buhociu aus dem Berufskolleg und von Arbnor Nuraj aus der 13/2 des Wirtschaftsgymnasiums. Es ist ein herzlicher Empfang, den Laila Buhociu für Muhterem Aras vorbereitet hat. Sie begrüßt sie in vier Sprachen, stellvertretend für die 30 unterschiedlichen Nationalitäten, die in der Schülerschaft der Wilhelm-Schickard-Schule vertreten seien. Es gibt spontanen Applaus von der Landtagspräsidentin. Für die anwesenden Schülerinnen und Schüler fasst Buhociu kurz zusammen, dass die 53-jährige studierte Wirtschaftswissenschaftlerin vor drei Jahren in ihr Amt gewählt wurde. Und sie weist auf Parallelen hin, die es zwischen Aras und den zahlreichen Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund an dieser Schule gibt.
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Anschließend begrüßt Schulleiter Joachim Maurer alle anwesenden Honoratioren, sowie SchülerInnen und KollegInnen und ordnet die Veranstaltung ein als Teil des Jahresprojekts „Demokratie stärken“. Muhterem Aras übernimmt und lädt das Publikum ein: „Ich bin offen für alle Fragen.“ Dann stellt sie sich vor: „Ich kam mit 12 Jahren nach Deutschland, geboren wurde ich in der Türkei als Kurdin, Alevitin. In Deutschland wurde ich in die fünfte Klasse der Hauptschule eingeschult, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen und habe meinen Hauptschulabschluss als Klassenbeste gemacht.“ Weiter ging es mit der Berufsfachschule und dem Wirtschaftsgymnasium in Stuttgart, um dann mit dem Abitur ein Studium der Wirtschaftswissenschaften anzuschließen. Der Bildungsweg weist deutliche Parallelen zu den Lebensläufen der Schülerschaft der kaufmännischen Beruflichen Schule im Publikum auf.
Aras spricht von ihrer Erfahrung als Angehörige einer Minderheit, in einem Land, wo das Anderssein wenig anerkannt ist. Wie es dazu führte, die eigene Religion, die Sprache, die eigenen andersartigen Rituale eher zu verleugnen, nicht auffallen zu wollen. Von ihrer Ankunft in Deutschland erzählt sie: „Diese Freiheiten kennen zu lernen, wenn man aus der Unfreiheit kommt – Deutschland ist ein wunderbares Land.“ Sie spricht von dem großen Gut der Freiheit und dem Schutz der Würde eines jeden Menschen in diesem Land durch das Grundgesetz. „Hey, für dieses Land musst du dich auch einsetzen. Ich lass mir dieses Deutschland nicht wegnehmen. Das ist auch mein Land!“ Das sei ihr schnell klar geworden, sagt Aras. 1992 trat sie bei den Grünen ein. Hier seien der Umgang mit Minderheiten, die Verteidigung der Menschenrechte und die Gleichberechtigung von Mann und Frau thematische Schwerpunkte.
Aus den Reihen der Schülerinnen und Schüler kommen im Anschluss viele Fragen zu den Themen Politik, Integration und Migration.
Colin Sperrfechter interessiert sich für Aras‘ Einschätzung der Europäischen Union im Umgang mit der Flüchtlingskrise. Die Landtagspräsidentin sieht darin ein wichtiges Friedensprojekt hin zu einer Solidar- und Wertegemeinschaft. Sie kritisiert die „Rosinenrauspicker“, die finanzielle Unterstützung der EU in Anspruch nehmen und sich dann jeder Verantwortung entziehen würden. Die Fluchtursachen in den einzelnen Ländern müssten bekämpft werden, dazu gehöre auch, den Klimawandel aufzuhalten, um Lebensräume weiterhin zu sichern und Perspektiven in den Ländern der Flüchtlinge zu schaffen. „Wie wir 2015 gehandelt haben, darauf können wir stolz sein“, sagt Aras und spricht die damalige Entscheidung der Bundeskanzlerin an.
Marie Baummüller-Sanchez fragt, warum Aras befürworte, dass Migrantinnen und Migranten ihr Wahlrecht im Heimatland nicht wahrnehmen dürfen sollten, wenn sie über zehn Jahre nicht mehr in diesem Land leben. Aras sagt dazu, sie sei mit den spalterischen Handlungen der Türkei nicht einverstanden. Die AKP habe sich für die Wahlen in der Türkei Unterstützer aus Deutschland geholt. Hier hätten dann Menschen, die die freiheitlichen Rechte in Deutschland genießen würden, eine Partei gewählt, die dort in der Türkei diese Rechte, wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, erheblich einschränken würde. Aras ist für ein ruhendes Wahlrecht, das bei Rückkehr in das Heimatland wieder aufgenommen werden könnte.
Am Ende der Veranstaltung fragt Laila Buhociu: „Was geben Sie uns für die Zukunft mit?“ Muhterem Aras fordert die Schülerinnen und Schüler im Plenum auf, sich selbst Gedanken zu machen, wie sie ein aktiver Teil dieser Gesellschaft werden können, der auch kritisch hinterfragt. Ihr Tipp für die Jugendlichen: „über Bildung und Ausbildung ein selbstbestimmtes Leben führen – und am 26. Mai unbedingt wählen gehen“, denn von den Entscheidungen auf kommunaler Ebene seien sie direkt betroffen.
Ganz am Schluss bitten zwei Schüler Muhterem Aras um ein Selfi mit ihr. „Na klar!“, sagt sie und freut sich sichtlich über die spontane Idee.

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