Wanderwochenende im Rätikon

Am ersten Juliwochenende brach eine Gruppe von unerschrockenen Lehrkräften unter der Führung von Herrn Koch ins Rätikon auf, um ein Wochenende in den Bergen zu verbringen. Am Freitagmittag nach Schulende stiegen wir in die Autos und ließen uns von Herrn Lederle und unserem Bergführer ins Brandnertal in Österreich kutschieren. Dort hatten wir die Gondel knapp verpasst und mussten den „Bösen Tritt“ zu Fuß bewältigen; das perfekte Aufwärmprogramm für den folgenden Tag.

Nach knapp anderthalb Stunden und vierhundert Höhenmetern konnten wir zum ersten Mal das grandiose Panorama des türkis in der Sonne schimmernden Lünersees bewundern. Wir bezogen unsere Zimmer mit Seeblick und nach einem zünftigen Abendessen und einer erholsamen Nacht waren wir ausgeruht für den Tag, den Herr Koch für uns geplant hatte. Manch einer war etwas besorgt, weil sich unser Bergführer weigerte, uns vorher zu sagen, wie viele Kilometer er für uns vorgesehen hatte, aber nachdem wir alle frohen Mutes am Seeufer entlang und hoch zur Totalphütte gewandert waren, waren wir alle (teilweise mit etwas Zuspruch) bereit, uns vertrauensvoll in seine Hände zu begeben. Das erwies sich schon bald als mutige Entscheidung, als es über steile Schneefelder in Richtung Schweiz ging. Frau Igel war wohl nicht vorsichtig genug; ein falscher Tritt und sie segelte auf dem Hosenboden in Richtung Tal. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten, bis sie wieder anhielt und dann die verlorenen Höhenmeter mühsam wieder hochzusteigen. Herr Sirna, der nach fachgerechter Beratung durch Herrn Dier in Laufschuhen unterwegs war, beschloss daraufhin, direkt den sichereren, aber anstrengenden Weg um das Schneefeld herum zu wählen. Am Kamm angekommen blieb nicht viel Zeit, den Adrenalinspiegel zu senken, denn der Abstieg in Richtung Schweiz erwies sich als noch abenteuerlicher. Auf ausgesetzten Felsen kletterten wir bergab, teilweise musste man sich an den Ketten festhalten, die am Fels befestigt waren. Unten angekommen spürten wir die Euphorie nach einem überstandenen Abenteuer und belohnten uns mit Müsliriegeln und dem Blick auf das eine oder andere Murmeltier, das durch die Berglandschaft wandelte. Nach einer weiteren Stunde leicht bergauf an Enzian, Anemonen und Vergissmeinnicht vorbei, hatten wir den See wieder im Blick und uns die Mittagspause verdient. Direkt auf der Grenze zwischen der Schweiz und Österreich gab es Landjäger und sogar frisch gekochten Kaffee vom Bergführer und die eine oder andere bekam Gelegenheit, die Blasen zu versorgen.

Von nun an ging es für die beanspruchten Muskeln und wunden Füße angenehm bergab entlang eines kleinen Baches und am anderen Seeufer zurück in Richtung Douglashütte. Manch einer warf einen sehnsuchtsvollen Blick in diese Richtung und fantasierte von Kaiserschmarrn oder Weizenbier. So einfach wollte es uns Herr Koch aber nicht machen – echte Bergwanderer schlafen nicht zweimal in derselben Hütte. Also mobilisierten wir noch einmal die letzten Kräfte und wanderten einigermaßen unverdrossen in Richtung Heinrich Hueter Hütte. Das Feld zog sich jetzt im einsetzenden Regen in die Länge, aber letztendlich kamen wir alle nach fast zwanzig Kilometern und zehn Stunden heil und hungrig an. Wir waren so müde, dass die Nacht im Matratzenlager keinerlei Einfluss auf unsere Schlafqualität hatte.

Der nächste Morgen begann mit einem Schrecken. Frau Igels Wanderschuhe standen nicht mehr dort, wo sie sie am Vorabend abgestellt hatte! Sie sah sich schon in Flipflops die letzten Kilometer bestreiten, doch das wollte der Hüttenwirt nicht auf sich sitzen lassen. Er fuhr mit quietschenden Reifen im Skoda vor und verkündete: „Mir foarn hinterher!“ Tatsächlich bretterten die beiden den Weg ins Tal hinunter („Geht’s mim Foarn? Mir missa den Heimvorteil nutza.“) und tatsächlich wurde die „Diebin“ gefasst, die sich keiner Schuld bewusst war. Mit etwas Verspätung ging es jetzt in die Wolken hinein, doch nach einer halben Stunde hatten wir die Wolken unter uns gelassen und blinzelten in die Sonne. Jetzt ging es noch einmal ausgesetzt mit Blick ins Brandnertal zurück in Richtung Douglasshütte. Wacker mühten wir unsere müden Beine über Stock und Stein und waren froh, dass für heute eine kürzere Wanderung vorgesehen war. Müde und zufrieden blickten wir dann wieder auf den See, der uns mittlerweile wie Heimat vorkam. Skiwasser und Kaiserschmarrn gab es noch in der Sonne und dann schafften wir es mit dem ersten Donnerschlag in die Gondel ins Tal. Perfekt geplant von unserem Bergführer Herrn Koch!

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