Wilhelm Schickard

Wilhelm Schickard wurde 1592 in Herrenberg geboren. Seine Begabungen wurden früh erkannt, und er nutzte sie. Mit knapp 18 Jahren nahm ihn das Tübinger Stift auf, um die Laufbahn der württembergischen Pfarrer einzuschlagen. Tatsächlich übte er diesen Dienst von 1614 bis 1619 aus, zuletzt in Nürtingen. Dort besuchte ihn 1617 der kaiserliche Mathematiker Johannes Kepler. Trotz 20-jährigem Altersunterschied entwickelte sich daraus eine lebenslange, enge Freundschaft. 

Während des gesamten Jahres 1618 (Beginn des 30-jährigen Krieges) zeigten sich am Himmel mehrere Kometen. Über sie erstellte Wilhelm Schickard im Auftrag des württembergischen Herzogs eine Abhandlung, die sich nur tatsächlich Feststellbarem - also keinen abergläubischen Vermutungen, wie damals üblich - widmete. 

Als Wilhelm Schickard dann 1619 zum engeren Kreis der Ausgewählten um den Lehrstuhl für Hebräisch an der Universität Tübingen zählte , erhielt er die Unterstützung des Herzogs. 

Nachdem er Professor geworden war, verfasste er u. a. ein Standardwerk zum Erlernen der hebräischen Sprache, das bis 1731 immer wieder neu gedruckt wurde. 

1623 erstellte er im Rahmen seines ersten naturwissenschaftlichen Buches einen Sternkegel, bei dem der Sternenhimmel erstmals aus der Sicht der Erdenbürger betrachtet werden konnte. lm selben Jahr konstruierte er die erste mechanische Rechenmaschine. Mit ihr konnten umfangreiche Berechnungen, wie sie z. B. Johannes Kepler benötigte, durchgeführt werden. Kepler berechnete damals die Bahn des Planeten Mars, um damit nachzuweisen, daß die Sonne (und nicht die Erde) Mittelpunkt unseres Systems ist. 

Von der Rechenmaschine wurden nur 2 Exemplare hergestellt. Die Johannes Kepler zugedachte Maschine fiel aber leider einem Brand in Tübingen zum Opfer. Wilhelm Schickards Maschine ist wohl in den Wirren des 30-jährigen Krieges untergegangen. Die Wiederentdeckung der Rechenmaschine gelang erst 1957 dem Tübinger Professor Bruno Baron von Freytag Löringhoff. Eine Broschüre hierüber (Kleine Tübinger Schriften) kann im Sekretriat erworben und ein Nachbau der Maschine bei uns besichtigt werden.
Wer herausfinden möchte, wie man mit der Maschine wirklich rechnet, dem sei unsere virtuelle Schickard-Maschine Schickard.exe als Windows-Programm samt der dazugehörenden Anleitung Schickard.pdf empfohlen. Die Funktionsweise können Sie sich auch in einen Film erklären lassen.
 

Wilhelm Schickard stellte auch das erste so genannte Handplanetarium her, das es ermöglichte, mit wenigen Handgriffen sowohl das alte Weltbild mit der Erde als Zentrum als auch das neue mit der Sonne als Zentrum darzustellen. Dieses Handplanetarium trägt Wilhelm Schickard in seiner rechten Hand auf dem Bild, das vor dem Sekretariat aufgehängt ist. Ein Nachbau des Handplanetariums, erstellt von Herrn Dr. Sahm und einigen seiner Schüler, ist in der Vitrine ausgestellt. 

Als 1631 der Tübinger Professor für Astronomie, Michael Mästlin, starb (er war sowohl Lehrer von Kepler als auch Schickard gewesen und hatte ihnen die Grundlagen für das Verständnis des neuen Weltbildes sicherlich mit auf den Weg gegeben), wurde Wilhelm Schickard dessen Nachfolger. 

Weniger bekannt ist, dass sich Wilhelm Schickard bereits seit 1624 mit großer Begeisterung der Kartographie widmete: und auch hier entwickelte er neue vereinfachende Meßverfahren. Er erstellte die bis dahin genauesten Landkarten des Herzogtums Württemberg. Leider sind auch davon die meisten untergegangen. Über unser Gebiet existieren noch zwei Karten, deren Kopien vor dem Sekretariat aufgehängt sind.  

Bis zum Jahre 1634 blieben die ca. 5000 Einwohner Tübingens von schlimmeren Auswirkungen des 30-jährigen Krieges verschont. Gesorgt hatte dafür die ausgewogene württembergische Diplomatie, die sich aber änderte als 1633 der noch sehr junge Herzog Eberhard III an die Regierung kam. Als dann im August 1634 in der Schlacht bei Nördlingen die Schweden und ihre Verbündeten eine vernichtende Niederlage erlitten hatten, erlebte Tübingen bisher unbekanntes Leid. Neben Mord und Totschlag wütete auch noch die Pest. 

Binnen eines Jahres fielen ihr fast 1500 Tübinger zum Opfer, darunter die gesamte Familie Schickard. Wilhelm Schickard starb 2 Tage vor seinem Sohn im Oktober 1635. 

Am Ende des 30-jährigen Krieges war der Nachlass von Wilhelm Schickard entweder verschwunden oder in alle Welt verstreut. Dies ist mit ein Grund, weshalb Wilhelm Schickard wenig bekannt war. Erst der Nachweis von Professor von Freytag Löringhoff, dass es die Schickardsche Rechenmaschine tatsächlich gab, weckte das Interesse an Wilhelm Schickards Wirken. 

Seine vielfältigen Fähigkeiten, vor allem aber das Nützen dieser Fähigkeiten sowie seine klare, zielgerichtete Denkweise können auch heute noch jedem Lernenden Vorbild und Anreiz sein. 

In einem Brief vom 30. August 1627 an Matthias Bernegger - einem befreundeten Professor in Straßburg - schrieb Wilhelm Schickard folgenden Satz: "Wer nie etwas versucht, der bringt auch nichts zuwege". - Prüfen Sie bitte, ob dies auch ein Leitsatz für Sie sein kann.