Über die digitale Beschulung – Eine Einschätzung von Noah Wolfframm (BK2)

Ungewohnt muss es für all jene sein, wenn ihnen selbst im Winter das Tageslicht am Morgen erscheint. Ein kleiner Sprung ins Bad wie auch einer zum Frühstück, der Letzte geht gewiss, wie so oft die letzten Wochen, an den Schreibtisch zum Rechner. Ständig dasselbe Prozedere, dieselbe Reihenfolge. Seit Tagen nur Regen: Schöner Ausblick, gute Stimmung – eine Stimme ertönt: Der Unterricht, er ruckelt los.

Der erneute Lockdown Ende Dezember, der fortan wohl noch bestehen wird, wirkt stark auf die Resilienzmarge eines jeden, der sich mit diesem Umstand zurechtfinden muss, folglich Schüler und Schülerinnen, Lehrer und Lehrerinnen und auch Eltern und noch einige mehr. Einige sind an den Grenzen ihrer mentalen Durchhaltekraft, andere bestehen noch tapfer. Es ist nur richtig, sich zu fragen, was denn überhaupt die positiv hervorgehenden Aspekte dieser digitalen Beschulung sind und was die (vielleicht) überwiegend negativen. Im Folgenden widmen wir uns nun den Bereichernden.

Zu allererst ist zu bemerken, dass der einzelne Schüler und die einzelne Schülerin keines Schulwegs mehr bedürfen, das verringert insoweit die Anfälligkeit für leichte Erkrankungen wie einer Erkältung, außerdem hat man mehr qualitative Zeit am Morgen für z. B. mehr Schlaf. Dabei bietet der Online-Unterricht eine Chance für all jene Schüler, die dazu tendieren, introvertiert zu sein. Durch selbstständiges Arbeiten und Einbringung in den Unterricht, ohne direkten Blicken ausgesetzt zu sein, können besonders diese Schüler ihre Stärken hervorbringen. Es wird jedoch im Generellen vor allem eine selbstständige Arbeitsweise sowie ein gewisses Zeitmanagement bei den meisten Schülern aktiviert bzw. auch ein bereits vorhandenes gefördert. Der Umstand, dass man i. d. R. in seiner eigenen Geschwindigkeit arbeiten kann, ermöglicht einen gewissen individuellen Fortschritt, den es jedoch nur in Grenzen gibt. Ein weiterer interessanter positiver Aspekt, ist der Faktor, dass im Digitalen die Datenübertragung wesentlich schneller und nicht an Zeit und Ort gebunden ist, man kann Dateien beliebig oft abrufen und eventuell auch gleich online bearbeiten, sodass man nicht einmal mehr einen Drucker benötigt; diese Aussage ist ebenfalls nur mit äußerster Vorsicht zu genießen, da nicht jeder dieselben Bedingungen zur Verfügung hat.

Hier ist die Schneise, an der wir uns den negativen Aspekten zur Erläuterung dieser oben erwähnten ungleichen Bedingungen widmen müssen. Der Umstand, dass man im schlimmsten Fall immer an ein- und denselben Ort gebunden ist, fördert selbstverständlich die soziale Isolation und die damit einhergehende mentale Belastung. Die Bedeutung des eigenen Zuhauses bzw. des eigenen Zimmers lässt durch diese Zeit des Online-Unterrichts signifikant nach oder noch viel schlimmer, verliert sich vollständig. Dabei liegt das Problem im Hauptaspekt der Vermischung zweier völlig gegensätzlicher Orte: Des Zuhauses bzw. des eigenen Zimmers und des Arbeitsplatzes bzw. Beschulungsortes. Beide stehen eigentlich im Gegensatz zueinander und werden nun, sofern nicht vermeidbar, gezwungen, sich zu komplementieren.

Das Zuhause ist doch schließlich der Ort der Genesung und des privaten Lebens, nicht der Ort, an dem man nun in der normalen Schulzeit arbeitet und lernt. Vor allem für Personen, die mit ihrem eigenen Zimmer (oder generell zu Hause) einen Ort verbinden, in dem sie ganz individuell zur Ruhe kommen und ihre Kräfte regenerieren können. Wenn also dieser mit tiefster Intimität verbundene Ort zu einem kleinen (individuellen) Klassenzimmer wird und es gefordert ist, konsequent Disziplin und konzentriertes Arbeiten zu zeigen: Wie soll sich diese Person entspannen, erholen, erfrischen?

Es ist unabdingbar, Präsenz und Mitarbeit im täglichen Unterricht zu zeigen, da sonst schnell der Anschluss verloren geht. Das war bereits im physischen Unterricht der Fall. Der Umstand wird jetzt also akzeptiert.

Man kann sich das Bild leicht ausmalen, wie schnell es am Schreibtisch oder Küchentisch zum Konzentrationsverlust kommt, darauffolgend wird es immer schwerer, die verlorene Konzentration wieder aufzubauen und zu erhalten; selbstverständlich gibt es Quellen von Ablenkung in großem Maß: das Smartphone oder familiäre Unachtsamkeit im Wohnraum machen diesen Umstand bedeutend schwerer.

Klar hervorzuheben ist, dass die Resilienz von Schülern stark variiert, d. h. nicht jeder geht mit mentalem Druck und besonderen Stressfaktoren gleich um. Die einen manövrieren gekonnt durch die Situation, andere zerschellen bereits beim ersten Hindernis bzw. Störfaktor. […]

Generell könnte eine digitale Beschulung auch sehr gut den Schüler individuell fördern, dafür müssten aber ein Dutzend von Bedingungen und Umständen (z. B. das Internet o. die Plattform) erfüllt und ermöglicht werden, sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrkräften bzw. den Schulen. Barrieren dürfte es somit schlicht keine mehr geben, denn das oben Angeführte zeigt die Gefahr, dass Schüler sehr schnell signifikant zurückfallen können. Genau da fehlt die physische (persönliche) Ebene zwischen Schüler und Lehrkraft.

Die momentane digitale Beschulung ist auch für all jene Schüler eine Belastung, die von ihrer Natur aus schnell mit neuen Unterrichtsthemen und Aufgaben arbeiten können. Der Grund ist von einfachster Art, der Unterricht verläuft unwiderruflich träger, als es zumeist physisch im Klassenzimmer der Fall wäre, da die Lehrkraft weitestgehend im Dunkeln tappt und es nur vage deuten kann, ob und inwieweit die Schüler ihr folgen und sie verstehen können. Schließlich verhält es sich leider ganz wie im physischen Unterricht so, dass Schüler, die Schwierigkeiten und Probleme mit Aufgaben oder Themen haben, sich im Gesamten betrachtet nicht melden. Im physischen Unterricht hat man Menschen vor sich, die im Grunde ständig nonverbale Signale aussenden. Der Umstand ist unverschuldet auf beiden Seiten, doch beeinträchtigt es zunehmend die Schülerschaft.

Was hat also nun der besonders »schnelle« Schüler für Schwierigkeiten? Bereits erwähnt wurde die Trägheit des Unterrichts. Genau dies ist der schlimmste Umstand für diese Schüler, denn man muss Geduld zeigen und warten, auch wenn schlicht und ergreifend eine ganze Unterrichtsstunde für nicht wirklich viel genutzt wurde. Natürlich verhält es sich unterschiedlich in den einzelnen Fächer und auch individuell ist jeder dieser Schüler anders bedient mit dem Sachverhalt, doch bleibt der Kern des Problems immer gleich. Man erkennt: es geht nicht darum, besonders schnell und zügig den Unterricht zu führen, denn es ist wichtig, individuell auf Schüler einzugehen und diese auch so fördern zu können, doch fördert man im selben Moment bei gleichbleibender Praxis genau die »schnellen« Schülern keineswegs; man setzt all jenen ein Hindernis, schaltet eine Bremse in den Weg.

Die Frage stellt sich: Weshalb ermöglicht man nicht jedem Schüler, in seiner eigenen Geschwindigkeit zu lernen? Im speziellen der Online-Unterricht bietet dafür doch beste Voraussetzungen, doch nutzt man diese bislang nur in einem enttäuschend geringen Maß. Es wäre dahingehend eine Befreiung für alle Schüler, wenn man Lernmaterial jederzeit abrufbar in einer Cloud zur Verfügung stellen würde, bei gleichbleibenden digitalen Unterrichtseinheiten. Die Anwesenheit aller Schüler in einem Raum oder in Gruppenräumen wäre somit kein Hindernis fürs Lernen und nicht zuletzt auch kein Hindernis für Lehrkräfte, doch benötigt es schlussendlich die Initiative der Schüler für das erfolgreiche Gelingen dieses Konzepts.

Unter den jetzigen Bedingungen lässt sich kaum ein ausschlaggebender positiver Aspekt der digitalen Beschulung verzeichnen, geschweige denn kann sie so eine zukünftige Alternative bieten. Es ist davon auszugehen, dass sich spätestens mit dem Beginn der Prüfungsphase zeigen wird, welchen Schaden diese notdürftige Art der Beschulung über Monate hinweg tatsächlich angerichtet hat, denn vieles bleibt unter Verschwiegenheit, bis es unabdingbar ist, es weiter unter Verschluss zu erhalten.

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